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„Häuptling eines Königshauses“ – Interview mit Osei Agyekum aus Ghana

Osei Agyekum wurde 1960 in Kumasi/Ghana geboren. 1985 begann er seine berufliche Laufbahn in der Schifffahrt und hat seitdem für zahlreiche Reedereien gearbeitet. Er war mehrere Male für Hapag-Lloyd tätig – von 2006 bis 2008 und dann wieder im Jahr 2012, als er zu OMA kam, der Schiffsagentur, die zu der Zeit die Geschäfte für Hapag-Lloyd abwickelte. Seit dem 1. Februar ist er in Vollzeit im neuen Büro von Hapag-Lloyd in Tema/Ghana beschäftigt. In diesem Interview der Woche erzählt Osei allerdings von einem ganz anderen Aspekt seines Lebens.

Osei, wie fühlt es sich an, wieder Mitarbeiter von Hapag-Lloyd zu sein?
Ich freue mich sehr, wieder hier zu sein. In Ghana liegt das offizielle Ruhestandsalter bei 60 Jahren, und so werde ich meine Karriere in der Schifffahrt bei meiner Lieblingsreederei beenden. Es bleiben mir also noch etwa zwei Jahre – und ich freue mich, unserer Gesellschaft hier in Ghana zum Erfolg zu verhelfen.

Im Grunde haben Sie zwei Jobs – einen bei Hapag-Lloyd und einen anderen, der sehr speziell ist. Erzählen Sie uns bitte davon.
Ich bin der Häuptling eines Königshauses in Atebubu in der Region Brong Ahafo, die etwa sechs Fahrstunden von unserer Hauptstadt Accra entfernt ist.

Was ist dort Ihre Aufgabe?

Seit 2011 führe ich dort rund 150.000 Menschen aus dieser Region, von denen die meisten Bauern sind, die Yamswurzeln, Cashewnüsse oder Erdnüsse ernten. Meine Aufgabe ist es, sie zu führen, anzuleiten und zu beraten, um die Region weiterzuentwickeln und Arbeitsplätze zu schaffen. Und darüber hinaus schlichte ich bei Konflikten und Meinungsverschiedenheiten. Im Prinzip ist es meine Aufgabe, mein Volk glücklich zu machen.

Wie oft sind Sie in der Region?

Ich fahre regelmäßig dorthin, da es viel zu tun gibt. Nur ein Beispiel: Am Ende eines jeden Monats begraben wir gemeinsam unsere verstorbenen Angehörigen. Und als Häuptling meiner Region muss ich da sein, um die Familien zu trösten und zu unterstützen.

Welche Art von Schlichtungen führen Sie durch?

Die Menschen kommen zu mir, damit ich entweder bei Familienangelegenheiten, bei wirtschaftlichen und sozialen Problemen oder bei Eigentums- und Grundstücksangelegenheiten schlichte. Und wenn ich eine Entscheidung treffe, müssen sie diese akzeptieren, und tatsächlich wagt es niemand zu widersprechen oder anderer Meinung zu sein.

Wo und wie sind Sie zu Ihren Rechtskenntnissen und Ihrer Weisheit gekommen?

Als Häuptling erhält man sehr viele Unterweisungen von älteren Häuptlingen. Wenn man andere Häuptlinge in anderen Regionen besucht, gewinnt man auch viele Kenntnisse über Führungsverhalten und Schlichtungsverfahren. Mein eigener Großvater war auch ein Häuptling – und als ich ein kleiner Junge war, hat er mich bereits in viele wichtige Themengebiete eingeführt.

Welchen persönlichen moralischen Richtlinien folgen Sie?

Ich bin Christ und wende die christliche Philosophie häufig an. 75 Prozent der Menschen in Ghana sind Christen – und in meiner Region sind es sogar noch mehr.

Nennen Sie uns bitte einige Beispiele für Fälle, in denen Sie schlichten mussten.

Vor kurzem kamen zwei Menschen, die gegeneinander kämpften und sich gegenseitig mehrere Übertretungen vorwarfen. Also fragte ich sie: „Kennt ihr das Vaterunser?“ Und sie antworteten: „Selbstverständlich.“ Also bat ich sie, es laut zu beten. Und als sie bei „und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ angekommen waren, unterbrach ich sie und sagte: „Seht ihr: Vergebt euren Schuldigern. Also vergebt euch nun gegenseitig, und kehrt an eure Arbeit zurück.“ Aber es gibt auch einige schwierige Fälle – zum Beispiel Streitigkeiten über Grundstücksangelegenheiten. Wir diskutieren dieses Thema bereits seit mehr als zwei Jahren, und es ist noch keine Lösung in Sicht.

Sitzen Sie auf einem Thron?

Ja, bei offiziellen Veranstaltungen oder Festen wie unserem Reisfest im März oder unserem Yamsfest im Oktober sitze ich in meiner traditionellen Häuptlingstracht auf einem Thron.

In Ghana gibt es ein voll entwickeltes Rechtssystem – warum ziehen die Menschen nicht vor Gericht und verlangen stattdessen lieber eine Schlichtung durch den Häuptling?
Wenn man in Ghana vor Gericht ziehen will, ist das ziemlich zeitaufwändig und teuer. Darum fragt man lieber den Häuptling um Rat und verbringt die gewonnene Zeit mit Arbeit oder seiner Familie. In Ghana sehen die Menschen zu den Älteren auf. Auch wenn du nur einen Tag älter bist als eine andere Person, so würde diese zu dir aufschauen und deine Führungsfunktion und deinen Rat akzeptieren. Je älter ein Häuptling ist, desto mehr wird er von seinem Volk respektiert.

Wenn Sie in Tema sind und für Hapag-Lloyd arbeiten, wie erreicht Ihr Volk Sie dann?

Viele erreichen mich telefonisch. Heute Nacht habe ich um 3 Uhr eine Nachricht über WhatsApp erhalten – jemand brauchte meinen Rat. Also habe ich ihm unverzüglich geantwortet. Aber normalerweise bitte ich meine Leute zu warten, bis ich am Wochenende wieder in Atebubu bin.

Abgesehen von Ihren beiden Jobs – welches sind die großen Leidenschaften Ihres Lebens?

Ich bin ein leidenschaftlicher Bauer und baue Mangos und Cashewnüsse an. Ein Teil meiner Nüsse wird mit Containern von Hapag-Lloyd und auf Schiffen von Hapag-Lloyd ins Ausland versandt. Ich liebe Fußball, und meine Lieblingsmannschaft ist Bayern München. Hin und wieder sehe ich mir die Spiele der deutschen Bundesliga im Fernsehen an und bin fasziniert davon, wie die Deutschen Fußball spielen. Und zugegebenermaßen spiele ich manchmal selber Fußball, um meinem Volk zu zeigen, dass Führung nicht bedeutet, dass ich über ihnen stehe, sondern auf gleicher Ebene zu ihnen gehöre.

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