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Äthiopien wird immer mehr zur Nähstube der Welt

Indien, Bangladesch und Sri Lanka waren lange die Superbillig-Standorte der Textilindustrie. Doch mit staatlichen Finanzhilfen und dem Geld privater Investoren wächst gerade in Ostafrika ein global hoch wettbewerbsfähiger Konkurrent.

Afrika spielte bislang fast keine Rolle im Welthandel. Doch in einigen Ländern ändert sich dies gerade – ein Land prescht derzeit ganz weit vor. In atemberaubendem Tempo hat der seit einigen Monaten amtierende äthiopische Premier Abiy Ahmed sein Land bereits umgekrempelt. Der Friedensvertrag mit Eritrea wird die gesamte Region politisch und damit auch wirtschaftlich stabilisieren. Für Maneesh Goel, Director of Sales & Marketing in the Red Sea & Pakistan Area von Hapag-Lloyd, ist Äthiopien heute bereits wieder ein politisch stabiles Land. Und: „Der neue Premierminister öffnet gerade die Türen für neue Geschäftsmöglichkeiten“, so Goel. Das Land hat viel zu bieten. Äthiopien ist bereits heute mit einem Wirtschaftswachstum von 7,6 Prozent unangefochtener Spitzenreiter in Ostafrika.

Durch den jüngst unterschriebenen Friedensvertrag mit Eritrea können nun wohl bald auch wieder die äthiopischen Im- und Exporteure den Seehafen Assab im Nachbarland nutzen. Bis Ende der 90er-Jahre hatte Äthiopien über Assab rund zwei Drittel seines gesamten Außenhandels abgewickelt. Der Streit um die Nutzung des Hafens war ein Grund für den Krieg zwischen beiden Ländern. Exporte könnten künftig erheblich einfacher und billiger werden, denn der Hafen liegt an der wichtigen Handelsroute zwischen Europa und Asien.

Auch Hapag-Lloyd ist daran interessiert „aktiver zu werden in dieser Region – auch in Eritrea”, sagt Goel. Allerdings sei in Assab noch nicht viel los. Aber der Hafen Massawa am Roten Meer werde bereits von Maersk und PIL aus Singapur regelmäßig angelaufen.

Bislang gingen die meisten Im- und Exporte über die von den Chinesen gebaute 750 Kilometer lange Bahnstrecke zwischen Addis Abeba und dem Kleinstaat Dschibuti, der sich als Umschlagszentrum für die Suezkanal-Route für den gesamten äthiopischen Außenhandel positioniert hatte. Hapag-Lloyd läuft den Hafen derzeit zweimal in der Woche unter den Diensten Red Sea Feeder (RS5) und Indian Ocean 2 (IO2) an. Zu den größten Kunden gehört neben Hakan Agro aus Dubai die Firmengruppe von Belayneh Kinde. Der ehemalige Berufsoffizier ist einer der berühmtesten und reichsten Geschäftsleute Äthiopiens. Mittlerweile ist der aus ärmsten Verhältnissen stammende Belayneh Kinde Dollar-Multimillionär. Er begann Anfang der 90er-Jahre damit, Butter und Honig zu exportieren. Heute baut seine Firmengruppe Raffinerien, er hält Anteile an mehreren privaten Banken und betreibt Landwirtschaft im großen Stil. Die derzeit noch sehr restriktiven Devisenbestimmungen seines Landes hält der Geschäftsmann für ein großes Wachstumshindernis, das Investoren abschrecken könnte.

Doch auch das könnte sich demnächst ganz schnell ändern. Die Deutsche Bundesregierung will die Zusammenarbeit mit dem jungen Regierungschef Abiyi schnell intensivieren. Äthiopien ist seit kurzem bei der von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf dem G20-Gipfel in Hamburg gestarteten Initiative „Compact with Africa“ dabei und hofft vor allem auf ausländisches Kapital, um sein Land weiterzuentwickeln. Eine Delegation des deutschen Afrika-Vereins war bereits im November da, um Geschäftsmöglichkeiten auszuloten. Die Verhandlungen mit der World Trade Organization (WTO) sollen intensiviert werden.

Der erst seit kurzem regierende 42-jährige Abiy sieht den „Compact with Africa” als einzigartige Chance „ausländische Investoren aus den G20-Staaten ins Land zu holen.“ Und er rechnet fest damit, jetzt viel mehr ausländische Investoren in sein Land holen zu können. So sollen vor allem die Rahmenbedingungen für private Investoren weiter verbessert werden: Die Bürokratie ist rückständig, die Infrastruktur schwierig und der Devisenmangel behindert den Transfer von Gewinnen. Laut CSU-Entwicklungsminister Gerd Müller sind die neuen Reformpartnerschaften beispielhaft für die Neuausrichtung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Ein Schwerpunkt der Zusammenarbeit ist derzeit der Aufbau einer global wettbewerbsfähigen Textilindustrie, die fair und umweltschonend produziert. Weitere 350.000 Jobs sollen bis 2022 geschaffen werden. Die Textilindustrie, so plant es die Regierung, soll zum Jobmotor für das Land mit seinen heute bereits 100 Millionen Einwohnern werden. Dafür lässt sie derzeit Industrieparks bauen, die Investoren dann mieten können. Rund 30 Parks sind geplant oder bereits gebaut.

Und die Regierung hält beim Bau der Parks ökologische Standards ein. Denn sie weiß, dass die Einkäufer großer westlicher Modemarken und deren Kunden mittlerweile viel Wert legen auf nachhaltige Produktionsbedingungen.

Auch Unternehmer aus Bangladesch sind bereits in Äthiopien, um dort Kleidung für den Export in die USA (Calvin Klein, Tommy Hilfiger) oder auch nach Europa (Tchibo, H&M) in den neuen Fabrikhallen nähen zu lassen. Andere kommen aus Indien, China und der Türkei und bringen erfahrene Manager mit, die die künftigen Textilarbeiter schulen und trainieren. Das lohnt sich, die Löhne in den neuen Fabriken in Äthiopien sind derzeit noch viel niedriger als in Bangladesch oder China.

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