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Björn Kropp – auch Kapitäne werden seekrank

Seit 2012 steuert Björn Kropp Hapag-Lloyds Schiffe als Kapitän über die Meere. Mit seinen 33 Jahren gehörte er damals zu den Jüngsten der Reederei. Wie es dazu kam, warum die Seefahrt auch unverhoffte Familienzusammenkünfte ermöglicht und was der gebürtige Koblenzer mit der Romanfigur Horatio Hornblower gemeinsam hat, erzählt er hier.

Die jüngste Fahrt mit der „Callao Express“? „Anstrengend!“, erzählt Björn Kropp ebenso knapp wie freimütig. „Die Reise an sich war okay, das Wetter gut, aber vor der Küste Perus wurde ich mitten in der Nacht geweckt. Ein Matrose hatte Herzprobleme, Schmerzen in der Brust, die in den rechten Arm ausstrahlten“, berichtet der 41-Jährige. „Wir setzen sofort alle Hebel in Bewegung, riefen auch das zuständige Krankenhaus in Cuxhaven an, das uns bei der Diagnose und Behandlung unterstützte. Da keine Besserung eintrat, empfahlen sie die zügige Evakuierung des Erkrankten.“ Die Kontaktaufnahme mit den peruanischen Behörden gestaltete sich allerdings schwierig – offenbar hatte sich die Nummer der 24-Stunden-Hotline geändert. „Erst mit Hilfe der Seenotleitung in Bremen, später dann der von Madrid, konnten wir einen Kontakt herstellen. Am nächsten Vormittag unterstützten uns dann unsere Hapag-Lloyd Kollegen tatkräftig bei der Organisation und Kommunikation vor Ort – die machen wirklichen einen super Job!“ Am Ende bekam Kapitän Kropp trotz vorheriger Ankündigung der peruanischen Behörden keinen Hubschrauber, sondern musste vor Chimbote, einem Industriehafen, ankern, um den Mann abholen zu lassen: Wie sich ein solcher Vorfall auf die Zusammenarbeit an Bord auswirkt? „Eigentlich sollen die Leute zwischendurch auch mal schlafen, denn die vielen Häfen an der Westküste sind arbeitsintensiv. Aber in dieser Situation sprang einer für den anderen ein: der Dritte Offizier übernahm die Wache von 0 bis 4 Uhr vom Zweiten Offizier, der sich im Bordhospital um den armen Kerl kümmerte, der Erste Offizier stand mit dem Krankenhaus in Cuxhaven in Verbindung und ich kümmerte mich um die Kommunikation mit den zentralen Stellen an Land, der Seenotrettung, Hapag-Lloyd und der Agentur. Vor Chimbote mussten wir dann noch diskutieren, wie weit wir in den Hafen hineinfahren. Mit 14 Meter Tiefgang weigerte ich mich aus guten Grund“, erzählt der Kapitän. Am Ende sei alles glatt gelaufen: „Der Matrose kam rechtzeitig ins Krankenhaus, wurde behandelt und konnte von dort nachhause auf die Philippinen fliegen.“

Wir besuchen den Kapitän in seiner Wahlheimat Oldenburg in Niedersachsen. Im Esszimmer hängen gerahmte Jugendstilplakate des Norddeutschen Lloyd und der Hamburg Amerika Linie in trauter Einheit, über der Anrichte gleitet die „London Express“ durchs Bild, ein Geschenk seiner Eltern zum ersten Einsatz als Kapitän. Und auf der Fensterbank thront ein weiteres Containerschiff. Das hat der heute 12-jährige Sohn von Björn Kropp in seiner Grundschulzeit aus Holz gebaut.

Mit dem Fernglas auf Wangerooge, seekrank auf der „Wilhelmshaven“

Egal, wie herausfordernd der Kapitän so manche Situation auf See erlebte: Björn Kropp wollte nie etwas anderes werden. „Das ist ein so komplexer, allumfassender Beruf! Technisch, nautisch, menschlich – alles muss ineinandergreifen, damit das Schiff läuft – nichts ist hundertprozentig vorbestimmt, das mag ich einfach.“

Bereits als Sechsjähriger saß er mit dem Fernglas in den Händen am Strand von Wangerooge und beobachtete die Schiffe, die auf der Nordsee Richtung Weser fuhren: „,Ich will Kapitän werden!‘, soll ich gesagt haben. Das erzählen meine Eltern heute noch gern“, grinst Kropp. Zwei Jahre später bekam der frühe Berufswunsch einen kleinen Dämpfer: „Auf der ,Wilhelmshaven‘, einem Seebäderschiff, mit dem wir einen Ausflug nach Helgoland unternahmen, wurde ich richtig seekrank“, berichtet der gebürtige Koblenzer und erklärt augenzwinkernd die drei Stufen wahrer Seekrankheit: „Stufe 1: Du wirst seekrank, Stufe 2: Du denkst, du stirbst, Stufe 3: Du stirbst nicht!“ Abgehalten hat ihn die Seekrankheit von seinem Beruf nicht. „Auf Containerschiffen ist mir das noch nie passiert. Und früher, auf den Ferienfreizeiten mit alten Segelschiffen habe ich schnell gelernt, was hilft: trotz Übelkeit die Wache durchziehen, danach einfach hinlegen und schlafen. Nach ein bis zwei Tagen war der Spuk immer vorbei.“

Sein Geburtsort Koblenz ist für die Flüsse Rhein und Mosel, die hier ineinander münden, bekannt, aber zur Hochseeschifffahrt hat keiner aus der Familie einen Draht. „Aber ich war schon früh im Segelclub, bin mit dem Optimisten auf dem Stausee unterwegs gewesen“, erzählt Kapitän. Von da war es nicht weit zur ersten Segelfreizeit auf der Ostsee mit der historischen Gaffel-Ketsch „Seute Deern“. Hier lernte Björn Kropp auch ein paar Seeleute kennen, die ehrenamtlich den Laden in Schwung hielten und denen fiel schnell auf, mit wie viel Leidenschaft sich der 16-Jährige ins Zeug legte. „Bewirb Dich doch mal auf ein Ferienpraktikum beim ,Verband Deutscher Reeder‘, dann kannst Du mit einem richtigen Schiff fahren“, riet ihm einer der alten Seemänner. So landete Björn Kropp auf der „Nürnberg Express“. „Sechs Wochen im Golf von Mexiko, lange Hafenzeiten, großartige Ausflüge. Beim Festmachen helfen, Brücke und Maschine kennenlernen und dazu sogar ein bisschen Theorieunterricht – spätestens da war mir klar: Das ist mein Weg!“ Und der führte ihn noch vor dem Abitur direkt zum dreistündigen Bewerbungsgespräch an den Ballindamm. Ein paar Wochen später kam das Go, der Schüler Kropp musste nur noch sein Abitur absolvieren.

Erst in die Werft, dann rund um den Globus


„Dass meine erste Fahrt als Azubi mit der ,Stuttgart Express‘ gleich nach Hongkong in die Werft ging, war für mich ein Glücksfall. In einem Trockendock lernst du ein Schiff buchstäblich in- und auswendig kennen – wann sonst kann man sich einen Schiffsrumpf schon mal gefahrlos von unten angucken? Auch Hongkong erkundeten wir ausgiebig. Das Gewusel in den Straßen, das unglaubliche U-Bahn-Netz, die fremden Gerüche. Ein Freund aus Koblenz lebte zudem dort, so hatte ich sogar meinen persönlichen Tour Guide. Eine Fahrt mit der Star Ferry von Kowloon nach Hongkong Island kann ich nur jedem empfehlen – die alten Fährboote haben es sogar in den einen oder anderen James Bond Film geschafft.“

Nicht so actionreich wie im Kino, aber ebenso interessant verliefen Ausbildung und Studium des Seemanns. „Erst die Ost-Asien Dienste, dann Amerika und das erste Mal durch den Panama Kanal mit den alten Treidelloks. Und auch die Ausflüge, beispielsweise in Los Angeles zu den Universal Studios, waren ein Erlebnis. Später hatte ich das Glück, als Erster Offizier die Route nach Australien und Neuseeland zu fahren – das war wirklich eine großartige Zeit!“ Neuseeland findet der Kapitän auch historisch hochinteressant: „Die dramatische Terra-Nova-Expedition von R.F. Scott zum Südpol 1910 startete hier, bevor allesamt im Eis erfroren sind – unglaublich, was Menschen früher auf sich genommen haben! Wo du auch hinfährst, stolperst du über historische Namen und Ereignisse. Auch auf die Ursprünge unserer heutigen Globalisierung: Von Port Chalmers auf der Südinsel legte 1881 die ,Dunedin‘ als eines der ersten Kühlschiffe weltweit Richtung London ab. Wenn ich überlege, wie viele Kühlcontainer heute unterwegs sind – das ist schon eine unglaubliche Entwicklung.“

Die Route nach Neuseeland sorgte auch für eine Familienzusammenführung der besonderen Art: „Meine Schwester und ich haben beide in Elsfleth studiert, sie mit dem Schwerpunkt Logistik. Nach dem Studium ist sie nach Auckland ausgewandert. Ich war der erste aus der Familie, der sie dann mal schnell auf einen Kaffee besuchte!“, lacht Björn Kropp.

Mit Hurrikan „Sandy“ zum ersten Einsatz als Kapitän


Nach gut sechs Jahren als Erster Offizier war es dann so weit. Björn Kropp: „Ich sollte die ,London Express‘ in New York übernehmen und eine Übergabefahrt über Halifax bis nach Hamburg machen. Aber Hurrikan ,Sandy‘ hatte die halbe Ostküste verwüstet und unzählige Verspätungen verursacht. So verkürzte sich die Übergabe von sieben Tagen auf 40 Stunden von New York nach Halifax, wo der andere Kapitän, ebenfalls ein Neuling, ausstieg. Ab da war ich auf mich gestellt.“ Unzählige Male hatte Björn Kropp bis dahin schon An- und Ablegemanöver gefahren. „Aber wenn Du da plötzlich alleinstehst, ist es noch mal was völlig anderes. Du bist mit deinen Zweifeln allein und musst doch sie richtig Entscheidung treffen. Als in Antwerpen plötzlich weit und breit kein Lotse zu sehen war, dachte ich sofort, ich sei schuld – aber es war einfach keiner gekommen.“ Heut blickt Björn Kropp mit einem Lächeln auf seine Anfangszeit als Kapitän zurück. „Es ist wie mit dem Panama Kanal: Die erste Durchfahrt ist aufregend, aber wenn du sechs Mal im Jahr durchfährst, gewöhnst du dich daran. Heute schau ich viel mehr auf die Mannschaft, versuche bei den Leuten zu sein und zuzuhören. Aus meiner Zeit als Offizier weiß ich noch sehr genau, dass sich nicht jeder traut, eventuelle Missstände oder Konflikte offen anzusprechen. Ich glaube aber, dass das sehr wichtig für ein gutes Arbeitsklima ist.“

Ausgleich findet der Kapitän auf dem Laufband und beim Lesen: „Aktuell die Romanvorlage zur Serie ,Babylon Berlin‘ von Volker Kutscher. Die Zeit um die 1930er Jahre in Berlin interessiert mich sehr!“, erzählt Kapitän Kropp. Und dann ist da noch „Horatio Hornblower“, eine elfbändige Romanreihe, die er immer wieder gern zur Hand nimmt. „In den Büchern von C.S. Forester geht’s um einen jungen Fähnrich, der in der Zeit der Napoleonischen Kriege Anfang des 19. Jahrhunderts allerhand Abenteuer bestehen muss, bis er Admiral wird.“ Der Bestseller wurde 1951 mit Gregory Peck in der Hauptrolle und später auch fürs Fernsehen verfilmt. Zentrales Thema sind die vielen einsamen Entscheidungen, die ein Kapitän immer wieder zu fällen hat. „In den Geschichten steckt viel Wahres über das Leben auf See“, findet Björn Kropp. Was der Kapitän im Interview nicht verrät, ist eine Eigenschaft, die er mit dem Romanhelden teilt: Auch Horatio Hornblower wird zu Beginn seiner Fahrten immer wieder seekrank. Auf einem Containerschiff wäre ihm das vermutlich nicht passiert.

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