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"Am meisten lernst Du, wenn was schiefgeht"

Seit eineinhalb Jahren ist Thorsten Schwarz Kapitän bei Hapag-Lloyd und hat auf seiner ersten Fahrt gleich zwei Stürme im Nordatlantik komplikationslos gemeistert. Wie man von einem Kurort in die weite Welt kommt, warum es lehrreich sein kann auf Grund zu laufen und welche Rolle eine Donauprinzessin für seine Berufswahl spielte, erzählt er hier.

„Handwerker, Mediziner, Feuerwehrmann, Müllmanager, Unternehmer, Psychologe – als Kapitän hast du viele Berufe“, erzählt Thorsten Schwarz: „Und genau das ist es, was mir an meinem Beruf so viel Spaß macht!“ Bereits als Sechsjähriger beschloss er auf Borkum mit Blick auf einen alten Schlepper, Kapitän zu werden. „Das erzählen meine Eltern jedenfalls. Später habe ich dann mit Begeisterung ,Die Donauprinzessin‘, eine TV-Serie rund um ein Flusskreuzfahrtschiff geguckt. Die Offiziere, die da herumliefen, die Atmosphäre, das hat mich fasziniert. Und tatsächlich haben wir mal eine Fahrt auf der echten ,Donauprinzessin‘ gemacht, wo mir der Kapitän die Brücke gezeigt und alles erklärt hat.“ Von da war es nicht weit zum Infostand des Verbands Deutscher Reeder: „Das war auf einer Ausbildungsmesse. Der Mann dort nahm sich Zeit für mich, ich habe ihn bestimmt zwei Stunden mit meinen Fragen gelöchert!“

Es folgte ein Praktikum auf der alten Frankfurt Express – die erste Begegnung mit Hapag-Lloyd. „Eine unvergessliche Reise“, schwärmt der 35-Jährige: „Ich komme aus Bad Salzuflen, einem kleinen Kurort in der Nähe vom Teutoburger Wald. Wenn du als 16-Jähriger in Singapur und Kuala Lumpur an Land darfst, in Jordanien den Zoo besuchst oder in Djakarta auf Sightseeing-Tour gehst, das ist überwältigend. Auch die Arbeit an Bord hat mich begeistert. Wir durften überall mitmachen, vom Steuern des Schiffes bis zum Auseinandernehmen der Maschine – einfach klasse!“ Seine Eltern hatten gehofft, er sei nach dem Praktikum kuriert, aber Thorsten Schwarz wollte sofort die Schule schmeißen und bei Hapag-Lloyd anfangen – nicht mit Klaus Heinig, dem damaligen Personalleiter: „Ich sehe Sie in drei Jahren! Machen Sie erst mal die Schule zu Ende!“ Nach dem Abitur konnte sich Thorsten Schwarz endlich bei Hapag-Lloyd bewerben – Startschuss für eine Karriere, die 2020 zur Erfüllung seines Kindheitstraumes führte.

In den 16 Jahren bis zum Kapitänspatent lernte Thorsten Schwarz die Seefahrt von der Pike auf kennen. Als Schiffsmechaniker fuhr er lange den damaligen Sammelservice von Europa, über Nordamerika bis Asien und wieder zurück, dann nach dem Studium als nautischer Wachoffizier und schließlich fünf Jahre als 1. Offizier. „Am meisten lernst Du natürlich, wenn auch mal was schief geht“, so Schwarz und berichtet von einem Vorfall, der sich noch vor seinem Studium ereignete: „Das war 2008 auf der alten Norfolk Express, als ich noch Schiffsmechaniker war. Ich wachte mitten in der Nacht auf, weil es plötzlich ganz ruhig wurde. In meiner Kammer hatte ich ein eigenes Alarmtableau, auf dem alles rot blinkte. Da dachte ich „okay, ich geh jetzt mal runter“. Der Chefingenieur wartete schon , sagte nur: „Thorsten, gut, dass Du da bist, wir sind auf Grund gelaufen.“ Ich konnte es zunächst gar nicht glauben, weil ich dachte, dass er Spaß macht. Aber es war tatsächlich passiert. Zwei Wochen lang lagen wir oberhalb des Suezkanals fest, bevor wir freikamen. In den ersten Tagen versuchten Schlepper uns freizuziehen, leider nur mit schwachem Erfolg. Dann kam eine Bunkerbarge, die ca. 2.000 Tonnen unseres Schweröls abpumpte, was weitere vier Tage dauerte – schließlich versuchten wir, mit unserer eigenen Maschine stoßweise freizukommen. Das klappte! Danach kamen die Taucher, um zu schauen ob die Außenhülle beschädigt war – sie war glücklicherweise nur eingedrückt.“

Eigentlich sollte die Reise drei Monate dauern, aber die Reederei bat Thorsten Schwarz mit in die Werft zu fahren. „Also machten wir uns auf den Weg nach Singapur. Und gerieten im indischen Ozean prompt in einen Sturm. Drei Tage lang nur mit Rettungsweste, kaum jemand schlief. Alles flog durch die Gegend. Sogar die schweren Holztische in den Kammern wanderten hin und her. Es gab den einen oder anderen Moment, wo ich dachte, jetzt kippt das Schiff“, berichtet Kapitän Schwarz. „Alle haben aufeinander aufgepasst, die Besatzung wächst durch so was unglaublich gut zusammen. Und Kapitän Bultmann war der ruhende Pol, ich dachte nur, solange der Kapitän nicht nervös wird, ist alles in Ordnung.“ Die dreieinhalb Wochen auf der Werft in Singapur waren für Thorsten Schwarz eine weitere Erfahrung: „Ganze Schotts wurden rausgebrannt, die Außenhülle an den eingedrückten Stellen ausgetauscht. Die Werftarbeiter waren Tag und Nacht im Einsatz. Solche Reisen prägen sich ein. Da sammelst Du Erfahrungen, die Du nie wieder vergisst!“

Im November 2020 wurde Thorsten Schwarz zum Kapitän ernannt, seine erste Fahrt hielt gleich zwei Stürme für ihn bereit. „Nach meiner Beförderung ging es im Sommer letzten Jahres nach Genua, wo ich auf die Vienna Express einstieg. Nach der Übergabe war ich ab Valencia allein verantwortlicher Kapitän – am Ziel meiner Träume! Kurz vor New York wartete der erste Sturm, der aber glimpflich verlief, weil wir ihn nördlich bei sieben Meter hohen Wellen umschifften, aber auf der zweiten Rundreise zog ein weit mächtigeres Sturmtief über den Atlantik. Im Hafen bleiben oder losfahren, nach Süden oder Norden? Das war jetzt meine Entscheidung. Ich entschied dann Richtung Süden zu den Bermuda Islands zu fahren, um dort vier Tage abzuwettern – was genau richtig war.“ Und das, erklärt der Kapitän, sei das Tolle bei Hapag-Lloyd: „Du wirst als Kapitän eigentlich nicht infrage gestellt, dein Wort gilt. Das gibt einem eine unglaubliche Sicherheit.“ Eines seiner größten Vorbilder? „Kapitän Peter Rößler“, erzählt Thorsten Schwarz: „Seine Erfahrung, sein Durchsetzungsvermögen, aber auch die Fähigkeit, Wissen zu teilen – das habe ich mir von ihm abgeguckt“, lächelt er verschmitzt und freut sich auf seinen nächsten Einsatz.

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