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Johan Schultz - immer bereit, sich neuen Herausforderungen zu stellen

Erst wurde er Kapitän, dann Vater. Hier erzählt Johan Schultz von spannenden Testfahrten auf der „Brussels Express“, warum er lieber aus dem Fenster statt auf den Monitor schaut und wer für gute Stimmung an Bord sorgt.

Johan Schultz wäre eigentlich unterwegs mit der „Ningbo Express", wenn ihn nicht eine Zahn-OP daran gehindert hätte: „Zwei Weisheitszähnen haben sie mir gerade gezogen, das musste genäht werden – keine gute Idee, damit an Bord zu gehen!“, findet der 36-Jährige. Im gemütlichen Haus der jungen Familie im Hamburger Westen bezeugen zwei große Fotos von Segelyachten, seiner Leidenschaft: Vom einfachen Crewmitglied bis zum Navigator nahm der gelernte Segelmacher an diversen Atlantik-Regatten teil, landete mit dem Team der „Broader View Hamburg“ 2017 sogar auf dem 1. Platz. Auf dem Wasser ist er gefühlt schon immer unterwegs: „Ich konnte gerade laufen, da nahm mich mein Vater schon mit aufs Segelboot“, lacht der Hamburger. Mit dem Segeln ist es in der nächsten Zeit erst mal vorbei. Der Grund dafür macht sich im Nebenzimmer geräuschvoll bemerkbar – Yorck, sein drei Monate alter Sohn hat Hunger – Mama Alissa kümmert sich. „Aber sonst mache ich zuhause möglichst mehr als meine Frau, wenn ich frei habe. Sobald ich wieder unterwegs bin, muss sie das alles alleine schaffen, davor habe ich großen Respekt.“

Mit Bleistift und Karte, von klein nach groß

Unterwegs sein, sich um Schiff und Besatzung kümmern – Johan Schultz ist in seinem Element, wenn er davon berichtet: „Besonders das Navigieren hat mir schon immer Spaß gemacht. Obwohl wir heute mit elektronischen Seekarten arbeiten, liebe ich es, mit Papierkarte, Lineal und Bleistift zu arbeiten. Wenn ich an Bord Routenplanung mit den Offizieren mache, rollen die Jungen schon mal mit den Augen und sagen ,Das haben wir doch alles auf dem Monitor‘. Aber ich finde es wichtig, dass man weiß, wie Navigation funktioniert und dass man auch mal aus dem Fenster guckt statt nur auf den Bildschirm.“
Sein Handwerk hat der 36-Jährige von der Pike auf gelernt: „Nach meiner Ausbildung als Segelmacher studierte ich in Flensburg Seefahrtverkehr, Nautik und Logistik. Das erste Praxissemester absolvierte ich auf einem Schwergutfrachter, das zweite bei Hapag-Lloyd auf der „Stuttgart Express" und der „Dalian Express". Wenn Du von einem kleinen Schwergutschiff mit 129 Metern Länge auf 290 Meter umsteigst – das ist schon ein Kulturschock. Aber heute ist das auch schon wieder klein, wenn man sich die neuen Containerschiffe mit 400 Metern Länge anschaut.“ Das Praxissemester gefiel dem Studenten 2012 so gut, dass er sich noch von See aus bei Hapag-Lloyd bewarb. Auch seine Bachelorarbeit über „Allianzen und Kooperationen in der Seeschifffahrt am Beispiel der G6 Allianz“ verfasste er am Ballindamm. Nach einem Ausflug zu einem Seekartenanbieter, bei dem er ein Seekartenkorrektur-programm mitentwickelte, startete er im Mai 2013 als Wachoffizier bei der Reederei. Drei Jahre fuhr er die damaligen PAX-Dienste mal nach Asien, mal über den Nordatlantik, erlebte in dieser Zeit zwei heftige Stürme im Nordpazifik „Wenn sich sich das Schiff verdreht und auf die Seite legt, fühlt sich das schon bedrohlich an, aber letztendlich sind unsere Schiffe heute sehr stabil.“

Chemielabor an Bord, Gemeinschaftsgefühl unter Deck

Nachhaltig beeindruckt haben Johan Schultz die Reisen als Erster Offizier auf der „Brussels Express“, dem weltweit ersten LNG-Retrofit-Großcontainerschiff. „Ich durfte dieses Projekt auf einer kurzen und zwei längeren Reisen begleiten, dabei habe ich unheimlich viel gelernt. Die ehemalige „Sajir“ von UASC wurde auf zwei Werften in Shanghai umgerüstet, es wurde ein Flüssiggasstank mit der dazu gehörigen Elektronik eingebaut. Wir holten das leere Schiff von der Werft ab und fuhren dann in doppelter Besetzung vor der chinesischen Küste auf und ab, um die neue Technik zu testen. Im Gegensatz zu schwefelreduziertem Schweröl ist Gas nicht selbstentzündlich, dadurch wird für die Verbrennung ein Dieselgemisch eingespritzt – das ist schon ein bisschen wie im Chemielabor“, erklärt Johan Schultz. „Die Frage ist auch, ob du mit Hoch- oder Niederdruck arbeitest. Der Zweite Ingenieur und ich haben heiß diskutiert, was besser ist, und seine Begeisterung hat mich angesteckt. Herauszufinden, welcher Treibstoff und Antrieb der sicherste, effizienteste mit der geringsten Emission ist – das spielt in Zukunft einen Riesenrolle für die Containerschifffahrt und letztlich für uns alle.“ Der Schriftzug „Shipping for a cleaner future!“ am Wellenbrecher auf dem Vorschiff trägt diese Botschaft in die Welt. Bis heute steht Johan Schultz mit seinen Kollegen von der „Brussels Express“ in Kontakt: „Ich will schließlich wissen, wie sich das weiterentwickelt.“ Und es gibt eine weitere Erfahrung auf der „Brussels Express“, die der Kapitän nicht missen will: „Für mich war die enge Zusammenarbeit zwischen Deck und Maschine eine echte Bereicherung. Das Verständnis füreinander und das Gemeinschaftsgefühl waren enorm. Wenn es heute noch das doppelte Patent gäbe, wie es früher bei Hapag-Lloyd angeboten wurde, ich würde es machen.“

Wissen teilen – geben und nehmen

Sein eigenes Wissen gibt Johan Schultz gern weiter: „Man weiß ja vieles noch nicht als Auszubildender, da ist es gut, jemanden zu haben, der einen unter die Fittiche nimmt. Ich habe das selbst während meiner Ausbildung erlebt. Zum Beispiel mit Kapitänin Sheila Esser oder auch Thorsten Schwarz. Beide hatten unglaublich viel Geduld mit mir, nahmen sich immer wieder Zeit für meine vielen Fragen. Das versuche ich jetzt weiterzugeben. Nicht nur an unsere Azubis, sondern auch die Wachoffiziere, die auf ihre nächste Beförderung warten.“

Während der Testfahrten auf der „Brussels Express“ spürte Johan Schultz, dass er bereit war, Kapitän zu werden. Als dann vom Ballindam die Einladung zum Karrieregespräch kam, rutschte ihm erstmal das Herz in die Hose: „Da denkst du schon kurz, Moment mal, habe ich auf der letzten Reise irgendwas falsch gemacht?“ Aber die Gespräche am Ballindam verliefen positiv. „Natürlich wird dir da noch mal ordentlich ins Gewissen geredet, welche Verantwortung du ab jetzt trägst, aber das ist auch in Ordnung.“

In Jebel Ali im Persischen Golf Ende November 2021 startete seine erste Fahrt als Kapitän. „Vier Häfen fuhr ich gemeinsam mit dem Kapitän für die Übergabe, wieder zurück in Jebel Ali habe ich das Schiff dann übernommen.“ Seine Reise führte ihn durch den Suezkanal, die türkische Küste hoch bis Piräus und wieder zurück durch den Suezkanal nach Jeddah, dann nach Jebel Ali inklusive einer Runde im Persischen Golf, dann das Ganze noch ein zweites Mal. Und wie stand’s mit der Freizeit an Bord? „Zum Sport muss ich mich ein bisschen aufraffen, gerade jetzt als Kapitän“, grinst Johan Schultz. Er liest viel, unternimmt aber auch gern was mit der Mannschaft. „Es ist schon wichtig, zu schauen, ob es den Leuten gut geht oder was fehlt. Ist die Karaoke-Maschine kaputt, braucht es vielleicht einen neuen Fernseher? Und wenn es viele Häfen in Folge sind, kann man auch mal ein bisschen später anfangen oder, sobald möglich, ein Barbecue organisieren. Es sind zwei Personen, die an Bord die Stimmung machen: der Koch und der Kapitän.“ Insgesamt war Kapitän Schultz vier Monate unterwegs. „Ich fand es wichtig zu signalisieren, dass ich gern zwei Runden drehe, damit ich mit besserem Gewissen auch die Zeit zuhause genießen konnte, weil wir unser erstes Kind erwarteten. Das ist ein Geben und Nehmen in unserer Firma.“

Die drei Monate zuhause hat der junge Vater sehr genossen, auch wenn er manchmal an seine Grenzen kam: „An Bord hast du für alles eine Checkliste. Wenn an der Anzeigetafel ein Lämpchen aufleuchtet, weißt du in der Regel, wo das Problem liegt. Babys haben eigentlich nur einen Alarmton – und dann weißt du noch lange nicht, ob es Hunger hat, müde ist, oder sich einfach nur langweilt. Aber das finden wir mit jedem Tag besser heraus“, lacht der stolze Vater. „Ich werde meinen Sohn sehr vermissen, aber ich bin sicher, meine Frau schickt mir viele Bilder und Videos. Ich freue mich jetzt schon, ihn nach der nächsten Reise wieder in die Arme zu schließen.“
 

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