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Zwischen Hof und Hochsee

Wenn Freya Otte nicht als Erste Offizierin für Hapag-Lloyd über die Meere fährt, verbringt sie viel Zeit auf dem Hof ihrer Familie. Hier erzählt sie von ihren ­Erlebnissen als Praktikantin und was passieren kann, wenn man sie zum Armdrücken herausfordert

Schon das erste Telefonat lässt ahnen, dass da jemand gern mit Maschinen zu tun hat. „Freya steht gerade an der Kreissäge, einen kleinen Moment, ich hol sie“, sagt Freya Ottes Mutter. Durch den Hörer dringt das Kreischen der Maschine, dann Stille, und kurze Zeit später ist die 33-Jährige am Apparat.

Einen Tag später begrüßt Freya Otte den Besuch aus dem rund 70 Kilometer entfernten Hamburg auf dem Hof ihrer Familie nahe Neumünster. „Ich bin mit Landwirtschaft und Maschinen groß geworden, hab schon immer mit meinem Vater geschraubt und geschweißt. Ein Bürojob kam für mich nicht infrage“, erzählt sie.

Gerade hat Otte einen Einsatz auf der „Hanover Express“ hinter sich. „Nur 30 Tage, keine große Sache.“ Sicherlich hätte sie irgendwann auch den Hof übernehmen können. „Aber nach einem Schulpraktikum bei der Kieler Lotsenstation war ich entschlossen – ich wollte zur See fahren.“ Otte erinnert sich gern daran, wie sie als 16-Jährige das erste Mal Feeder-, Container-, Bulk- und Tankschiffe durch den Nord-Ostsee-Kanal, die wichtigste Wasserstraße zwischen Nord- und Ostsee, steuern durfte: „Dass ich so große Schiffe mit einem kleinen Tiller und minimalen Bewegungen manövrieren konnte, faszinierte mich!“ Die Schülerin wechselte aufs Technische Gymnasium, wählte die Leistungskurse Maschinenbau und Physik und war bestens gewappnet für ihr Vorstellungsgespräch bei Hapag-Lloyd.

Alles im Blick: Als Älteste von vier Geschwistern lernte Freya Otte früh, Verantwortung zu übernehmen

„Ich hatte mich bei mehreren Reedereien beworben, aber Hapag-Lloyd reagierte am schnellsten“, erinnert sie sich. „Und dann saß ich in der Seefahrtschule auf dem Priwall, einer Halbinsel an der deutschen Ostseeküste, und wurde eineinhalb Stunden gelöchert. Auf dem Tisch lagen ein Druckluftmotor und fünf verschiedene Schraubendreher – ich musste zeigen, dass ich genau den richtigen benutze. Außerdem musste ich eine komplizierte technische Zeichnung erklären.“ Zwei Wochen später kam die Zusage.

Im Oktober 2008 ging es das erste Mal auf die „Chicago Express“ und Richtung Asien. „Wir waren zwölf Aus­zubildende, und ich durfte als Erste ans Steuer, als wir aus Hamburg rausfuhren“, erzählt sie stolz. „Das war eine schöne erste Reise mit vielen Landgängen. Die Pyramiden und die Chinesische Mauer zu besuchen war ein großartiges Erlebnis, und als wir in Hongkong im Dock und später vor Anker lagen, konnten wir alle zwei Tage mit dem Wassertaxi in die Stadt fahren.“ Vor dem Studium drehte Freya Otte noch eine Runde als Schiffsmechanikerin auf der ehemaligen „Hamburg Express“, wo sie schon den dritten Ingenieur entlasten durfte. „Ich war verantwortlich für die Separatoren und Kompressoren, so richtig mittendrin in der Arbeit!“ Dann ging’s nach Flensburg auf die Hochschule. Kurz vor Schluss hängte die Studentin noch eine sechswöchige Tour als Nautische Offiziersanwärterin dran, damit sie schon mal ein bisschen Brückenluft schnuppern konnte. Danach heuerte sie auf der „Kyoto Express“ an. Ab da stellte sie ihr Können auf verschieden Schiffsklassen, mal als Sicherheitsoffizierin, mal als Navigationsoffizierin, unter Beweis. Seit 2017 ist sie Erste Offizierin.

Und wie sieht es mit Abenteuern aus? „Mit großen Hurrikan-Geschichten wie unsere alten Seebären kann ich nicht aufwarten“, sagt Otte fast entschuldigend. „Heute sind wir so gut ausgerüstet mit Wetterdaten und Technik, da wettert man bei Sturm ab oder weicht aus.“ Aber dass beim Laden und Entladen mal was schiefgeht, weiß sie nur zu gut: „Es passierte auf der ,Guayaquil Express‘ im Hafen von Cartagena 2019, ich war zwei Jahre Chief Mate. Morgens um fünf rief mich der Wachoffizier an: ,Chief Mate, Chief Mate, something happened!‘ Und das stimmte. Vom Containerkran waren zwei 20-Fuß-Container beladen mit Sojasaat mit voller Wucht in die vordere Luke gekracht, der Spreader war samt Ladung vom Kran abgerissen. Glücklicherweise war im Laderaum noch eine Lage Container, sodass der Tankboden und auch der Rest des Schiffes nicht beschädigt wurden. Aber an die 15 Container lagen teils aufgeschlitzt und wie verbeulte Coladosen in der Bay. Aus einem der demolierten Container ergoss sich Pflanzenöl über die verstreute Sojasaat, das war eine einzige Soße! Aber die Saat hat das Öl immerhin ein bisschen aufgesogen!“, erzählt Freya Otte. Bei strömendem Regen hieß es dann: Container raus, Saat raus, alles raus – die Luke musste komplett gelöscht werden, eine Mords­arbeit für alle. „Und wir durften nicht die ganze Zeit die Pier belegen. Nach Mitternacht fuhren wir um die Ecke in den alten Hafen und machten dort fest. Eine Stunde später rief mich der Wachmann an: ,Chief Mate, the ship is moving!‘ – ein Poller war aus dem Fundament der Pier gerissen, denn der alte Hafen ist für ein so großes Schiff nicht ausgerichtet.

Unser Wachmann war schnell genug und zog die Gangway noch hoch. Schlepper haben uns dann wieder zurück an die Pier gedrückt. Am nächsten Morgen ging die Arbeit weiter. Insgesamt dauerte es drei Tage, bis der Laderaum wieder sauber war, dann fuhren wir endlich Richtung Heimat.“

Weltgewandte Frau: Um das Heimatland ihrer philippinischen Kolleginnen und Kollegen besser kennenzulernen, bereiste Otte den Inselstaat

Dass man bei aller Bodenständigkeit, mit der sie aufgewachsen ist, sehr weltzugewandt sein kann, sei keine Frage, findet die Erste Offizierin: „Da ich schon lange mit Filipinos arbeite, dachte ich vor drei Jahren: ,Deren Heimat muss ich mir auch unbedingt mal anschauen.‘ Ich habe dann allein eine Tour durch die Inselwelt gemacht und diverse Verwandte, Freunde und Bekannte unserer philippinischen Mitarbeiter kennengelernt. Das war großartig.“

Und wie sieht es mit der Akzeptanz ihrer Führungsrolle bei den Seeleuten aus? „Da gibt es nichts anzumerken. Die Jungs sehen schnell, dass ich auch mit anpacke, mir nicht zu schade bin, mal eben schnell was zu reparieren. Ich übernehme gern Verantwortung, das mag auch daran liegen, dass ich die Älteste von vier Geschwistern bin.“ Auf der „Yantian Express“ fragte sie mal die Deckscrew während einer Bordparty, ob sie sich aufs Armdrücken einlässt. „Dreimal dürfen Sie raten, wer gewonnen hat“, lacht Freya Otte.

Hat sie sich als Frau jemals benachteiligt oder anders behandelt gefühlt? „Grundsätzlich nein. An Bord kommt es darauf an, dass du dein Handwerk beherrschst, und da macht mir so schnell keiner was vor.“ Allerdings sei es schon interessant, wie beispielsweise in arabischen und asiatischen Häfen reagiert würde. „Ich war mal mit Kapitänin Sheila Esser und Schiffsingenieurin Swetlana Timm-Vengerov auf einer Route unterwegs. Als der Lotse in Dschidda auf die Brücke kam und mich und Kapitänin Esser sah, fragte er, ob er ein Foto machen dürfe. Und später im Büro, wo wir alle drei saßen, wollte der verwunderte Agent wissen, wo denn der Kapitän sei. Drei Frauen an Bord, das hätte er ja noch nie gesehen.“

Rührend findet Freya Otte, dass ein Provianthändler in Singapur Blumen mit der Bestellung mitschickt, wenn er weiß, dass Frauen an Bord sind: „Das habe ich mehrmals erlebt.“ Frauen an Bord – könnte es davon nicht ein paar mehr geben? „Auf jeden Fall, schließlich ist das heute größtenteils keine harte körperliche Arbeit mehr. Aber du solltest technisch interessiert sein und musst eine Portion Entscheidungsfreude und Selbstbewusstsein mitbringen.“ Ihre eigene berufliche Zukunft hat Freya Otte fest im Blick: „Mein Job als Erste Offizierin macht mir unglaublich viel Spaß. Aber Kapitänin zu werden, das ist mein Traum.“ 

Der Heimat verbunden: In ihrem Zuhause, dem Familienhof bei Neumünster, genießt Freya Otte ihre freie Zeit und packt dort kräftig mit an – nicht nur an der Kreissäge. „Ob mit dem Trecker auf dem Feld, morgens beim Melken unserer 120 Kühe oder in der Kälberaufzucht, es gibt immer was zu tun. Ich mache das wirklich gern.“ Ohnehin seien die zwei Welten miteinander vergleichbar: „Auf dem Schiff sind wir eine autarke Familie, und hier auf dem Hof sind wir es auch.“

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