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„Am Ende wird alles gut“

Eigentlich wollte Dennis Schwartz nur die Welt sehen. Dass das Leben an Bord weit mehr zu bieten hat, entdeckte er während seiner Ausbildung zum Schiffsmechaniker und später als Erster Offizier auf der Brücke. Seinen Weg bis zur Kapitänsernennung begleiteten hin und wieder Zweifel. Heute ist er stolz, dabeigeblieben zu sein und gibt seine Erfahrungen gern weiter.

Endlich mal einer, dem es nicht in die Wiege gelegt wurde! Denn in Dennis Schwartz’ Familie fährt außer ihm niemand zur See. „Während der Schulzeit verbrachte ich ein Austauschjahr in Iowa und merkte, dass ich in fremder Umgebung allein bestens zurechtkam. Warum nicht mit dem Schiff die Welt entdecken, dachte ich und bewarb mich nach dem Abitur zur Schiffsmechaniker-Ausbildung bei Hapag-Lloyd“, erzählt er. Der Einser-Abiturient wurde genommen, die weite Welt rückte in der Seefahrtschule allerdings erstmal in weite Ferne. „Da hockte ich plötzlich auf dem Priwall in Travemünde im Vierbettzimmer mit Gemeinschaftsdusche mit all den anderen. Das war mir völlig fremd“, gesteht der 36-jährige. Und er entdeckte bald, dass er ein paar Dinge gar nicht so gut beherrschte: „Metallbearbeitung beispielsweise, irgendwo fehlte da immer der eine oder andere Millimeter bei meinen Werkstücken – gefühlt waren alle anderen besser als ich. Außerdem vermisste ich meine Freundin so sehr. In jeder freien Minute rief ich sie an, was mir eine horrende Telefonrechnung einbrachte.“ Als dann die erste Ausbildungsfahrt mit der betagten „Frankfurt Express“ startete, dachte Schwartz schon ans Aufhören. „Ich fühlte mich wie auf einer falschen Klassenfahrt, schrieb meiner Freundin seitenlange E-Mails und war entschlossen in Hongkong auszusteigen!“ Wenn da nicht Kapitän Gerd Rohden gewesen wäre, der den unglücklichen Azubi unter seine Fittiche nahm: „Kapitän Rohden lud mich auf eine Tüte Chips in sein Büro ein, hörte sich meine Sorgen an. Und er machte mir Mut, dem Ganzen einfach mal eine Chance zu geben.“

Kapitän Schwartz kam ohne jeglichen familiären Hintergrund zur Schifffahrt. Nach anfänglichen Problemen entschied er sich, in der Schifffahrt zu bleiben, die er inzwischen liebt.

Von der Maschine auf die Brücke

Dennis Schwartz biss sich durch. „Rost klopfen, Tanks und Separatoren reinigen, Schilder putzen, so ging es von Singapur, über China bis ins Rote Meer nach Akaba und Jemen. Und dann kam Weihnachten auf See, eines der schönsten, das ich je erlebt habe“, erzählt Schwartz mit leuchtenden Augen. „Wir Azubis waren sonst in unseren eigenen Räumen, jetzt durften wir in die Offiziersmesse, kamen bei geschmücktem Tannenbaum und gutem Essen auch privat mit den Offizieren ins Gespräch. Und was die von der Seefahrt erzählten klang spannend. Plötzlich fühlte sich alles richtig an!“ Die zweite Reise auf der der „Chicago Express“ bezeichnet Schwartz als Glücksfall: „Das Schiff war nagelneu, Kapitän und Crew bestens eingespielt, die 56 Tage vergingen wie im Flug.“ Auf der „Chicago Express“ bemerkte Dennis Schwartz auch, wohin er beruflich wollte. „Bereits nach dem Bewerbungsgespräch hatte mir Personalleiter Klaus Heinig gesagt, dass er mich eher auf der Brücke als in der Maschine sähe – er sollte recht behalten! 2009 habe ich mich fürs Nautikstudium eingeschrieben.“

On the "Chicago Express" Dennis Schwartz noticed where he wanted to go professionally - a job on the bridge appealed to him more than a job in the engine room

Gefahrgut in New York, Weltreligionen in Jerusalem

Es dauerte keine drei Jahre und Dennis Schwartz schloss nicht nur sein Studium mit sehr gut ab, er wurde auch kurz nach Erreichen der erforderlichen Fahrtzeit zum Ersten Offizier befördert. „Im Nachhinein denke ich, dass das ein bisschen früh war, Personalverantwortung für acht bis zehn Leute zu übernehmen und dazu die Organisation der Ladung – das hat mich ganz schön gefordert.“ Gut erinnert er sich an einen Gefahrgutcontainer, der im Hafen von New York fälschlicherweise über einem Schweröltank gestellt war. „Das ist ein absolutes No-Go wegen der möglichen Hitzeentwicklung. Die Luke war bereits voll bis an den Rand, alles musste wieder raus, aber der Stauer machte ein Riesentheater, sagte, dass wir das doch im nächsten Hafen erledigen könnten. Was tun? Ich bat ihn, mir einen Zettel zu schreiben auf dem er versicherte, die volle Verantwortung dafür zu tragen. Es dauerte nicht lange und alles war umgestaut – ich hatte mich durchgesetzt.“

Sechs Reisen machte Dennis Schwartz als Erster Offizier bis er zum Kapitän ernannt wurde, und hat zwischenzeitlich auch die Welt gesehen: Vom Rodeo-Turnier in Houston bis zur Wüstensafari in Akaba in Jordanien war alles dabei. „Besonders gern erinnere ich mich an Israel. Ich hatte die Nacht durchgearbeitet, war ziemlich fertig, wollte mir dieses Erlebnis aber nicht entgehen lassen. Von Aschdod machten wir eine geführte Tagestour. Mit dem Bus ging es erst nach Betlehem, das unter palästinensischer Kontrolle steht, weshalb Fahrer, Guide und sogar das Auto wegen der Nummernschilder zwischendrin gewechselt werden mussten. Vor der Geburtskirche, die über der vermuteten Geburtsstätte Jesus Christus errichtet worden ist, reihten wir uns in eine lange Schlange von Menschen aus allen Kontinenten ein, das war ein unglaubliches Gefühl. Ebenso danach in Jerusalem. Die katholische Grabeskirche, die jüdische Klagemauer, Die muslimische al-Aqsa-Moschee, alles auf engstem Raum. Das war mein bisher beeindruckendster Landgang!“

An Israel hat Schwartz besonders gute Erinnerungen. Nicht zu übersehen ist auf diesem Bild die muslimische Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem mit ihrer goldenen Kuppel / Bildnachweis: Pixabay

Kapitän auf 100 Metern, dann eine Kuschelreise

An Land half Dennis Schwartz 2018 auch am Ballindamm aus: „Im Fleet Management wurde zeitweilig Unterstützung gesucht und ich sprang für einige Monate ein. Eine interessante Zeit, in der ich viel gelernt habe und großartigen Kolleginnen und Kollegen begegnet bin. Von den Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, profitiere ich noch heute an Bord.“

2021 lud ihn Personalchefin Silke Lehmköster zum Gespräch: „Ich wusste, dass es um meine Beförderung gehen würde, zögerte aber. Ich war mir nicht sicher, ob ich wirklich schon Kapitän werden wollte.“ Seine Frau Dorina, ebenfalls bei Hapag-Lloyd tätig, ermutigte ihn. Und nach der Unterhaltung mit der Personalchefin stand seine Entscheidung. „Meine erste Fahrt als Kapitän dauerte dann keine 100 Meter“, lacht er und erklärt: „Nach dem Overlapping von Rotterdam nach Hamburg übernahm ich das Kommando auf der ,Osaka Express‘– und musste erst mal nur verholen, also umparken. Mit Schlepper und Lotse ging es am Containerterminal Altenwerder weiter zu einem anderen Liegeplatz an derselben Pier, wo wir wieder anlegten.“ Einen Tag später ging es richtig los. Die Fahrt mit der „Osaka Express“ bezeichnet Schwartz als Kuschelreise. „Ich kannte zwar niemanden an Bord außer dem Ersten Offizier, aber die Mannschaft war so eingespielt und professionell, es hat einfach nur Spaß gemacht, und das, obwohl uns auf dem Weg nach Indien die Maschine ausfiel. Innerhalb von drei Stunden war der Schaden behoben, ich kann gar nicht oft genug sagen, welchen Respekt ich vor unseren Ingenieuren habe. Was die Tag für Tag leisten, ist einfach beeindruckend!“

Zöllner auf der Suche, 28 Häfen in zwei Monaten

Irgendein Abenteuer gäbe es auf jeder Reise, weiß der Kapitän zu berichten. „Mal hast Du es mit Heerschaaren von Fischerbooten zu tun, die du irgendwie durchqueren musst, obwohl sie am Horizont aussehen wie eine ganze Stadt, mal mit einem Beamten, der ,Geschenke‘ will.“ So habe ein Zöllner mal recht unverblümt Waren aus der Schiffskantine gefordert: „Ich entschuldigte mich, wies auf unsere strengen Richtlinien hin und dass mir leider die Hände gebunden sein. Als er merkte, dass er mit seiner Forderung nicht weiterkam, filzte er etliche Kammern, öffnete alle Schubladen und schaute in jeden Koffer. Er fand nichts Verbotenes und verließ murrend und mit leeren Händen unser Schiff.“ Auf seinem jüngsten Einsatz auf der „Colombo Express“ bediente Schwartz den GEM-Service (Gulf East Med), der herausforderndste, den er bisher erlebt habe: „28 Häfen in zwei Monaten – da weißt du, was du getan hast“, so Schwartz.

Das Leben als Kapitän ist manchmal stressig - Schwartz findet seinen Ausgleich beim Sport im Kraftraum und beim Lesen

Entspannung an Bord findet der sportliche Mann im Kraftraum. „Drei bis viermal die Woche schaffe ich es und das tut verdammt gut. Und ich lese gern, dazu komme ich zuhause nicht, weil mich dann meine Kinder in Beschlag nehmen. Die zwei sind ein und vier Jahre alt – es war großartig, acht Monate Elternzeit mit ihnen zu verbringen.“ Die Betreuung teilen sich die Eltern so gut es geht. Allerdings macht Dennis Schwartz keinen Hehl daraus, dass sich seine Frau berufsbedingt immer wieder allein um die Kinder kümmert. „Aber da sie selbst eine Weile als nautische Offizierin zur See gefahren ist, weiß sie, dass das keine Urlaubsreisen sind“, erklärt Dennis Schwartz lächelnd.

Ein Feuer zum Davonlaufen und die Oma als Vorbild

Ist auch mal was schief gelaufen in seiner recht stringenten Laufbahn? Dennis Schwartz überlegt: „In den Semesterferien meines Studiums fuhr ich drei Einsätze als Schiffsmechaniker. Auf einem dieser Einsätze brach im Maschinenraum ein Feuer aus. Es war mein Geburtstag und ich hatte kurz vorher meine Geschenke in der Kammer ausgepackt. Als ich den Maschinenraum betrat, sah ich das Feuer und rannte instinktiv erstmal wieder raus. Ich wusste vor Schreck nicht sofort, was ich tun sollte – bis der Generalalarm ausgelöst wurde, siebenmal kurz, einmal lang. Da schaltete etwas in mir auf Automatik und ich absolvierte den Einsatz, wie wir ihn wieder und wieder geübt hatten. Durch dieses Ereignis ist mir klar geworden, wie wichtig die ganzen Notfalltrainings an Bord sind: Damit du im Ernstfall automatisch das Richtige tust.“ Wann immer Dennis Schwartz zweifelte oder in schwierige Situationen geriet, ein Spruch seiner Großmutter, die er als sein großes Vorbild bezeichnet, half ihm. „Meine Oma sieht in allem das Gute und ist unglaublich unternehmungslustig, noch als 80-Jährige ist sie mit uns Achterbahn gefahren, hat dabei sogar mal ihre Perücke verloren“, erzählt der Kapitän lachend. „ ,Löpt sich allns torecht‘, sagt sie immer auf Plattdeutsch – ,Am Ende wird alles gut‘.“

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