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19 Jahre alt, fast neun Monate an Bord – und immer noch ein Lächeln

Die 19-jährige Hannah Gerlach hat am 01.01.2019 ihre Ausbildung zur Schiffsmechanikerin bei Hapag-Lloyd begonnen. Seit Ende September 2019 bis Ende Juni war sie im Praxis-Einsatz auf der „Basle Express“ – und gehörte zu jenen Seeleuten, die infolge der COVID-19 Pandemie ihr Schiff über viele Monate nicht verlassen konnten. Wie sie die lange Zeit auf See erlebt hat, was sie am meisten vermisst hat und was sie als erstes getan hat, als sie das Schiff verlassen konnte, das hat sie uns per Satellitentelefon erzählt.

Fast neun Monate bist du ununterbrochen an Bord der Basle Express gewesen. Wie ging es dir dabei?

Hannah Gerlach: Es ging mir sehr gut - dankeschön. Ich war sehr glücklich an Bord. Am 21. September bin ich an Bord der Basle Express eingestiegen – ich war ziemlich aufgeregt, da es meine erste Einzelreise war. Ursprünglich war es geplant, dass ich bereits Ende November in Hamburg wieder aussteige, aber ich habe meine Reise freiwillig bis Mitte März verlängert, um die Erfahrung einer längeren Reise zu machen. Aufgrund von Corona konnte ich dann nicht mehr abmustern.

Was hat sich in dieser langen Zeit für Dich auf dem Schiff verändert?

Für mich hat sich nicht so viel verändert. Die Arbeit hat mir super viel Spaß gemacht, und die Crew inklusive unseres Kapitäns war super. Da fiel es mir nicht schwer, auch nach fast neun Monaten noch motiviert zu sein. Nichtsdestotrotz habe ich mein Leben zuhause sehr vermisst – vor allem meine Familie und meine Freunde. Mal abgesehen von den meisten Geburtstagen, habe ich Weihnachten, Ostern und Pfingsten nicht mit meiner Familie verbringen können. In diesen Momenten und Tagen vermisst man seine Liebsten natürlich umso mehr, aber man weiß auch, dass es zur Seefahrt dazu gehört. Sehr nahe geht mir nur, dass ich meinen neugeborenen Neffen nicht direkt kennenlernen konnte.

Was hast du neben der Familie am meisten vermisst?

Das klingt womöglich ein wenig verrückt, da ich fast neun Monaten auf einem Containerschiff gearbeitet und gelebt habe und somit kontinuierlich auf dem Wasser war: aber ich habe mich schon mega darauf gefreut, wieder mit meiner Familie segeln zu gehen und abends die ruhige und friedliche Stimmung auf dem Wasser zu genießen. Für mich sind es zwei Welten des Lebens auf dem Wasser, die nicht direkt miteinander vergleichbar sind. Die friedliche und wunderschön ruhige Atmosphäre am Abend, wenn die See in der Dämmerung schimmert, kommt der auf dem Segelboot manchmal schon sehr nahe, doch hat man auf einem Containerschiff immer noch das Rauschen der Lüfter oder Kühlcontainer in den Ohren.

Wie kamst du mit der Crew aus und wie habt ihr euch die Zeit vertrieben?

Super gut. Insgesamt bin ich mit zwei Crews gefahren, denn im November und im Februar gab es einen Crewwechsel für die europäische Besatzung, bei dem ich an Bord geblieben bin. So viele gemeinsame Monate an Bord schweißen zusammen – wir arbeiten schließlich nicht nur gemeinsam, sondern leben auch gemeinsam. Das Schöne ist, dass man nicht allein sein muss, wenn man es nicht möchte. Die Mahlzeiten haben wir alle gemeinsam eingenommen und auch am Abend haben wir häufig Filme geschaut oder uns unterhalten. Geburtstage, Weihnachten und Ostern wurden zusammen gefeiert – an Weihnachten und Ostern gab es beispielsweise Barbecue, manchmal auch einfach zwischendurch. Bei den Geburtstagen der Filipinos durfte Karaoke natürlich nie fehlen.

Wie hat sich deine Einstellung zu deinem Ausbildungsberuf verändert, seit du deinen Berufsweg bei Hapag-Lloyd begonnen hast?

Die bisherige Zeit bei Hapag-Lloyd hat mich definitiv darin bestätigt, dass die Wahl meiner Ausbildung das Richtige für mich war und ist. Ich denke, dass es menschlich ist, wenn man sich mit 16 oder 17 Jahren am Ende seiner Schulzeit nicht unbedingt zu hundert Prozent sicher ist, welchen Schritt man gehen möchte. Gerade die Seefahrt ist natürlich sehr besonders – das Leben dreht sich einmal um 180° und man entscheidet sich dafür, immer wieder viele Wochen auf einem Schiff fernab von Familie, Freunden und Heimat zu arbeiten und zu leben. Ich kann aber sagen, dass ich mir zu mehr als hundert Prozent sicher bin, dass ich die für mich richtige Entscheidung getroffen habe und sehr glücklich bin, diesen Schritt gewagt zu haben. Und das hat mich insbesondere die Reise auf der Basle Express gelehrt – die Reise an sich, aber vor allem die Crew, dank der ich so unglaublich viel gelernt und dabei so viel Spaß gehabt habe.

Was gefällt dir an der Arbeit als Schiffsmechanikerin am besten?

Die Vielfalt – dass ich sowohl an Deck als auch in der Maschine arbeiten und lernen kann. Besonders gern bin ich in der Maschine. Die verschiedenen Systeme, Aggregate und Maschinen, die das Schiff antreiben und das Leben an Bord ermöglichen, finde ich immer wieder super faszinierend. Mir persönlich macht es super Spaß, durch die praktische Arbeit und das zusätzliche Durchforsten von Manuals die verschiedensten Funktionsweisen, Zusammenhänge und Probleme zu verstehen.

Wie veränderte sich das Verhältnis zu deinen Crewmitgliedern nach so langer Zeit? Gab es auch mal Stress?

Das Verhältnis untereinander war super gut. Ich kann allerdings gar nicht sagen, ob es so gut war, weil wir so lange gemeinsam an Bord waren oder obwohl wir so lange zusammen waren. Wichtig ist nur: es hat von Anfang an gepasst, wir haben uns die ganze Zeit gut verstanden – an Gesprächsthemen und Spaß fehlte es nie. Reibereien gab es definitiv keine, im Gegenteil: Ich denke, dass wir uns alle aufeinander verlassen konnten. Und ich weiß, dass ich mich immer an diese Crew und die Basle Express erinnern werde.

Warst du eigentlich die einzige Frau an Bord? Und wenn ja: war das schwierig?

Ja, seit Februar war ich die einzige Frau. Eingestiegen bin ich mit einer anderen Auszubildenden, die auch bis Mitte Februar verlängert hat. Es war für uns beide die erste große Reise und abgesehen davon, dass wir uns super verstehen, haben wir auch bei der Arbeit und beim Lernen voneinander profitiert und uns echt gut ergänzt. Von Ende November bis Mitte Februar waren wir dann sogar zu dritt – die Erste Offizierin und wir zwei Auszubildende. Für mich war es definitiv nicht schwierig, die einzige Frau an Bord zu sein. Ich denke, dass ich recht schnell bewiesen habe, dass ich genauso hart wie die Männer arbeiten kann. Außerdem spielt die eigene Einstellung eine große Rolle - und auch das Verhalten, wie man mit der Tatsache umgeht, die einzige Frau zu sein.

In welchem Loop seid ihr zuletzt unterwegs gewesen?

Bis Ende März sind wir im FE5-Service gefahren, das heißt in Hamburg gestartet und über Antwerpen und Southampton durch den Suezkanal nach Jeddah. Danach ging es nach Colombo, Singapur, Laem Chabang in Thailand, Cai Mep in Vietnam und zurück nach Europa. Diese Rundreise sind wir zweimal komplett gefahren und noch einmal bis Vietnam. Geplant war für die Basle Express ab April eine Werftzeit, die jedoch aufgrund von COVID-19 verschoben wurde. Wir waren dann für den MD1-Service geplant und schon unterwegs zum ersten Hafen, als dieser Auftrag kurzfristig gecancelt wurde. Nach dreieinhalb Wochen Driften im südchinesischen Meer waren wir seit dem 24.04. im AG3-Service unterwegs und pendelten zwischen dem Persischen Golf und Asien.

Am Anfang durftest du noch an Land. Welcher Landgang hat dich besonders beeindruckt?

Ich kann nicht sagen, dass ich einen speziellen Hafen oder einen speziellen Landgang am beeindruckendsten fand – für mich waren sie alle auf ihre Art besonders. Asien war für mich eine ganz neue Erfahrung und ich bin echt glücklich, dass ich so häufig die Chance hatte, an Land zu gehen. Singapur beispielweise hat mich als Stadt super beeindruckt - obwohl es so eine Riesenmetropole ist, ist es dort super sauber und es gibt so viele grüne Ecken und Parks wie beispielsweise den Botanischen Garten. Auch wenn es zu normalen Zeiten natürlich lang nicht in jedem Hafen für jeden möglich ist, war der Landgang doch etwas was fehlte. Es ist die Chance, sich für ein paar Stunden zu erholen, spazieren zu gehen, Dinge zu kaufen, die es an Bord nicht gibt – und immer auch die eigenen Batterien aufzuladen.

Wie standest du mit der Familie und Freunden in Kontakt?

Meistens über verschiedene Messenger und FaceTime, ab und zu habe ich auch das Satellitentelefon genutzt. Meiner Meinung nach ist es nicht wichtig bzw. gar nicht möglich, jeden Tag mit jedem zu kommunizieren – am wichtigsten finde ich es, dass man trotz der örtlichen Distanz weiß, man kann sich aufeinander verlassen und schreiben, wenn man sich braucht.

Du bist ja noch recht jung. Gibt es etwas, was du an Bord über das Leben gelernt hast?

Ich habe für mich gelernt, dass ich meine Ziele und Träume verfolgen kann und werde. Und dabei helfen mir meine Motivation und meine positive Einstellung. Es mag klischeehaft klingen, aber nichts destotrotz glaube ich daran: „Wenn man die Welt anlächelt, lächelt sie zurück.“ Ich würde fast sagen, dass das so etwas wie mein Motto geworden ist. Es ist doch so viel einfacher, mit einem Lächeln auf den Lippen und motiviert morgens aufzustehen. Und etwas Weiteres, was ich persönlich sehr wichtig finde, ist: bloß keine Vorurteile haben.

Wann konntest du das Schiff verlassen? Und was hast du als Erstes zuhause gemacht?

Am 23. Juni bin ich in Hongkong von Bord gegangen und nach Hause geflogen. Urlaub habe ich erst ab August, da es für mich erstmal in der Berufsschule weiterging. Seit Ende April läuft diese schon, erst nur online und nun auch im Anwesenheitsunterricht. Ich habe versucht, so gut es geht durch das Durcharbeiten der Skripte nach Feierabend und in der Mittagspause am Ball zu bleiben, da ich nicht auf die praktische Erfahrung bei der Arbeit verzichten möchte. Aber auf alle Fälle verbringe ich so viel Zeit wie möglich mit meiner Familie und meinen Freunden und möchte vor allem meinen kleinen Neffen kennenlernen.
 

 

Über Hannah Gerlach

Nach ihrem Abitur begann Hannah Gerlach am 1. Januar 2019 eine Ausbildung zur Schiffsmechanikerin bei Hapag-Lloyd. Im September 2019 trat sie ihre erste lange Reise auf der Basle Express an, auf der sie wegen COVID-19 fast neun Monate im Einsatz war. Aufgewachsen ist die 19-Jährige an der Ostsee in Timmendorfer Strand. Ihre Freizeit verbringt sie gerne mit ihrer Familie und ihren Freunden, sie macht gerne Musik und Sport und ist leidenschaftliche Seglerin.

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