Cimbria

Die Havarie der „Cimbria“ – vor 150 Jahren lief die „deutsche Titanic“ vom Stapel

Bis zum Untergang der „Titanic“ galt die Tragödie des Hapag-Dampfers „Cimbria“ als größtes ziviles Schiffsunglück aller Zeiten. Noch heute ist die Katastrophe das größte zivile Schiffsdrama in deutschen Gewässern. Die Kollision machte weltweite Schlagzeilen. Die Geschichte des vor der deutschen Nordseeinsel Borkum gesunkenen Schraubendampfschiffs begann vor 150 Jahren: Am 21. Januar 1867 lief die „Cimbria“ vom Stapel, am 13. April machte sie sich in Hamburg auf zur Jungfernreise nach New York. 16 Jahre später, am 19. Januar 1883, der tragische Unfall.

Es war ein kalter, nebliger Wintermorgen, als die „Cimbria“ den Hamburger Hafen zwei Tage zuvor zu ihrer 70. und letzten Reise verließ. Das Kommando führte Kapitän Julius Hansen. An Bord waren 91 Mann Besatzung und 401 Passagiere, zum großen Teil slowenische Auswanderer. In der Nordsee verschlechterte sich das ohnehin ungemütliche Wetter noch einmal.

Die „Cimbria" vor ihrem Unfall Wurde für sicher gehalten: Die „Cimbria" vor ihrem Unfall.

Nachdem die „Cimbria“ Cuxhaven passierte, wurde der Nebel dichter. Der Kapitän gab die Anweisung, die Fahrt zu verlangsamen. Etwa zwei Stunden nach Mitternacht meldete der Aussichtsposten des Passagierdampfers ein schwaches grünes Licht im Nebel – das Positionslicht des Kohlendampfers „Sultan“ aus Hull. Beiden Schiffsführungen blieb kaum noch Zeit zum Reagieren, und beide taten im ersten Schreckmoment genau das Falsche, wie das Seeamt später feststellen sollte. Sie drehten die Schiffe aufeinander zu.

Keine Hilfe von der fahrtüchtigen „Sultan“

Wenige Augenblicke später traf der scharfe Bug der „Sultan“ die über hundert Meter lange „Cimbria“ im rechten Winkel und riss ein tiefes Loch in die Backbordseite. Sofort drangen große Mengen Wassers in das Schiff ein. Als die „Sultan“ mit voller Kraft den Rückwärtsgang einlegte, sprangen die Außenplatten der „Cimbria“ ab. Die „Sultan“ verschwand daraufhin im Dunkeln, ohne sich um das Schicksal der „Cimbria“ zu kümmern. Er habe sein schwer beschädigtes Schiff für weitaus gefährdeter gehalten als den großen fremden Dampfer, von dem laute Hilfeschreie herüberschallten, und deshalb keinerlei Hilfe für nötig gehalten, entschuldigte sich der Kapitän später.

Das aber war ein schrecklicher Irrtum. Die „Cimbria“ legte sich sofort auf die Seite und begann schnell zu sinken. Unter den aus dem Schlaf gerissenen Passagieren brach Panik aus. Die Besatzung blieb erstaunlich besonnen. Es gelang ihr sogar noch, drei Rettungsboote zu Wasser zu lassen, von denen eines allerdings überfüllt umschlug. Dann, nicht einmal 15 Minuten nach der Kollision, sank die „Cimbria“. 39 Menschen wurden aus den Rettungsbooten später geborgen. 17 weitere überlebten auf den glücklicherweise aus dem Wasser herausragenden Masten des Dampfers. Alle anderen, mehr als 430 Passagiere und Besatzungsmitglieder, kamen in dieser grauenvollen Nacht ums Leben.

Unter den Passagieren waren auch damalige Berühmtheiten. Red Jacket etwa, ein 26-jähriger Sioux-Indianer, war mit Stammesgenossen an Bord. Sie hatten das Publikum in Europa mit folkloristischem Liedgut unterhalten; nun zog es Red Jacket mit seiner Frau Sunshine und dem Medizinmann Crow-Foot zurück in die Heimat. Anders war es bei den Geschwistern Rommer aus dem württembergischen Biberach. Zither- und Gitarrenspieler Georg (28) sowie die Sängerinnen Auguste (26) und Katinka (22) waren als "Schwäbische Singvögel" in ihrer Heimat erfolgreich – und hofften nun, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, auf noch mehr Einnahmen. Moritz Strauß (53), einer der großen Spielzeughersteller seiner Zeit, wollte nach Amerika, um zu expandieren. All diese Hoffnungen waren zum Scheitern verurteilt, wie sich später auf tragische Weise herausstellen sollte.

Bergung der Schiffsglocke 90 Jahre nach dem Unglück

1974 wurde das Wrack der „Cimbria“ in 25 Metern Tiefe 19 Seemeilen nordwestlich von Borkum gefunden. Das Vermessungsschiff „Wega“ begann noch im selben Jahr mit der Untersuchung des Wracks. Dabei konnte unter anderem die Schiffsglocke geborgen werden. Sie steht heute in der Eingangshalle des Ballinhauses in Hamburg zum Andenken all derer, die ihr Leben auf See verloren haben.

Die Schiffsglocke Die Schiffsglocke: Geborgen in den 1970er Jahren, heute in der Eingangshalle von Hapag-Lloyds Firmensitz am Ballindamm in Hamburg zu finden.

Zwischen 2001 und 2008 bargen Wracktaucher zudem zahlreiche Ausrüstungsgegenstände und Frachtgüter, darunter Porzellan, Weinflaschen und Elfenbein. Heute erstreckt sich das Trümmerfeld über eine Länge von 115 Metern, eine Schiffsstruktur ist nicht mehr zu erkennen. In wenigen Jahren wird das bereits stark zerfallene Wrack der „Cimbria“ gänzlich zersetzt und verschwunden sein.

Back to Top