Hapag_Lloyd_Kpt_Grote-1969

„Dreimal die Woche Pommes“ – Kapitän Markus Grote und sein Leben an Bord

Markus Grote winkt gleich zu Beginn des Interviews ab: „Ach, was habe ich schon zu erzählen?“ Im Gespräch zeigt sich dann schnell, mit wie viel Leidenschaft und Empathie der Kapitän seinen Beruf ausübt. Eine Begegnung am Elbstrand in Hamburg, direkt gegenüber des Containerterminals

„Meine erste Fahrt als Kapitän werde ich nicht vergessen“, berichtet der 43Jährige Nordrhein-Westfale und lässt den Blick über die Elbe in die Ferne schweifen: „Das war 2013 im Dezember, wir waren im Nordpazifik, südlich der Aleuten unterwegs, als wir an der Boston Express vorbei bekamen.“ Das 4667 TEU-Schiff von Hapag-Lloyd trieb dort schon eine ganze Weile mit einem Maschinenschaden im Meer. „Teile unserer Crew sollte im Bereitschaftsboot Schweißelektroden und Werkzeug rüberbringen, in der Hoffnung, dass man damit die defekte Nockenwelle schweißen könne. Ich beobachtete von oben, wie sich das Boot, klein wie eine Nussschale, mit unseren drei Seeleuten durch die kabbelige See kämpfte. Dann versagte der Motor, die Wellen schaukelten das Boot hin und her. Ich rief sofort beim Kapitän der Boston Express an, fragte, ob uns jemand entgegenkommen könne. Kurz darauf sprang der Motor zum Glück wieder an.“ Die Seemänner kamen unversehrt zurück. Nur aus der Reparatur der Boston Express wurde nichts – das 300 Meter lange Containerschiff musste von einem Schlepper in den nächsten Hafen gezogen werden. „Der Einsatz mit unserem Bereitschaftsboot mag auf den ersten Blick nur ein kleines Manöver gewesen sein, aber wenn du das erste Mal die Verantwortung dafür trägst, gehen dir sämtliche Szenarien durch den Kopf“, erzählt der Kapitän nachdenklich. „Andererseits: Wie müssen sich erst die Leute auf der Boston Express gefühlt haben? Der Kapitän machte, soweit ich weiß, damals auch seine erste Reise und hatte die weitaus größere Herausforderung.“


Vom Ostseestrand über Bielefeld nach Südamerika 

Markus Grotes Anfänge verliefen unbeschwerter: Als kleiner Junge fuhr er mit seinen Eltern regelmäßig an die Ostsee zum Strandurlaub: „Die riesigen Fähren, die Richtung Skandinavien fuhren, während wir im Sand buddelten, haben mich schon damals fasziniert. Und als in der Schule erstmals die Frage aufkam, was man so werden wolle, war die Seefahrt schon fest in meinem Kopf verankert.“ In Bielefeld besuchte der damals 17-Jährige eine Infoveranstaltung des Verbands Deutscher Reeder, auf der Hapag-Lloyd lobend erwähnt wurde. „Danach waren meine Überlegungen, Mathematik zu studieren schnell vom Tisch. Als Mathelehrer sah ich mich sowieso nicht.“ Ehrlich erzählt er vom ersten Bewerbungsgespräch bei seinem heutigen Arbeitgeber: „Das habe ich nicht bestanden. Ich hatte zwar wochenlang Nachrichten geschaut, um über das Weltgeschehen informiert zu sein, aber es ging viel konkreter um das, was an Bord los ist – darauf war ich nicht vorbereitet“, gibt der der Kapitän zu. So landete er bei Hamburg Süd, wo er seine Ausbildung als Schiffsmechaniker machte. „Die ersten Fahrten Richtung Südamerika waren beeindruckend: Rio de Janeiro, Santos, Buenos Aires, da waren ein paar tolle Landgänge dabei.“ Aber auch an Bord genoss der angehende Seemann das Leben. „Vormittags lernten wir in der Ausbildungswerkstatt, was so ein Schiff im Innersten zusammenhält, mittags legten wir uns gut eingecremt in die Sonne und sprangen zur Abkühlung in den Pool, bevor es wieder runter in die Werkstatt ging. Wenn wir dann nach sechs Wochen im Winter braun gebrannt nachhause kamen, waren Familie und Freunde nicht nur sehr stolz, sondern auch ganz schön neidisch“, lacht er.


Durchstarten inklusive Drahtseilakt, durchhalten in der Pandemie

Im Oktober 2000 ging es zum Studium auf die Hochschule Wismar nach Warnemünde, wo der damals 23jährige Nautik und Schiffbetriebstechnik studierte. „Mein Kontakt zu Hapag-Lloyd kam da schnell wieder zustande. Erstens, weil ich oft von meinen Kommilitonen zu den Treffen bei Hapag mitgeschleppt wurde und zweitens, weil ich in den Semesterferien als Schiffsmechaniker bei Hapag-Lloyd jobbte.“ Kaum hatte er das Studium beendet, stellte ihn genau der Mann ein, bei dem er noch vor wenigen Jahren durchgefallen war. „Das war 2005. Ich fing als Schiffsbetriebsoffizier an und wurde nach drei Jahren zum 1. Offizier befördert.“ Als solcher fuhr er damals mit der Wellington Express, einem eher kleinerem Schiff mit eigenen Kränen. Und das forderte den frisch gebackenen Offizier gleich bei der zweiten Fahrt heraus: „Wir hatten in Willemstad, der Hauptstadt von Curaçao festgemacht. An einem der Kräne war das Drahtseil beschädigt und musste ausgetauscht werden, das hatte ich vorher noch nie gemacht. Wie gut, dass unser Kapitän wusste, wie das funktioniert! So zogen wir mit vereinten Kräften um die 200 Meter Drahtseil neu auf, das dauerte mit diversen Schichtwechseln fast eineinhalb Tage.“

Erinnert er sich an schwere Wetter auf seinen Fahrten bei Hapag-Lloyd? „Zum Glück fällt mir da erst mal gar nichts ein“, freut sich Markus Grote. „Die Wetterprognosen und Berechnungen sind mittlerweile so gut, dass man fast immer ausweichen kann.“ Klar habe er hin und wieder ordentlich Seegang erlebt: „Aber das war nur nervig, weil es nachts so unruhig und laut ist und man einfach schlechter schläft. Wenn die ganze Crew unausgeschlafen ist, muss man sich schon überlegen, wie man alle bei Laune hält.“ Spieleabende, Barbecue und wenn möglich die Aussicht auf schönen Landgänge seien da hilfreich. „Als Kapitän ist die Betreuung und Motivation der Mannschaft für mich das Wichtigste.“ Letztes Jahr, als die Pandemie ausbrach, seien alle Seeleute auf eine harte Probe gestellt worden. „Viele unserer philippinischen Kollegen konnten wegen der Reisebeschränkungen nicht zurück in ihr Heimatland, saßen zwölf Monate oder sogar länger fest, das war schon sehr belastend. Einer unserer Seemänner musste über ein Jahr an Bord der Antwerpen Express bleiben, auf der ich von Juli bis November unterwegs war. Um unseren Koch, dessen Ablösung ebenfalls kurzfristig abgesagt wurde, haben wir uns alle gekümmert, mit ihm geredet, einfach versucht, ihn immer wieder aufzumuntern. Aber manchmal dachte ich auch: Hier an Bord sind alle gesund, wir müssen weder Masken tragen noch Abstand halten. 20 Leute, die einen Platz zum Schlafen und genug zu essen haben. Das ist weit mehr, als vielen Menschen auf dieser Welt möglich ist.“


Spargelwasser, geplatzte Reifen und alle zwei Tage Pommes Frites

Markus Grote ist dankbar, dass er durch seinen Beruf nicht nur die Weite des Meeres und die vielen Häfen auf der ganzen Welt kennen lernen durfte. Auch der Mix aus vielen kleinen und großen Erlebnissen machen diesen Beruf für ihn zu etwas Besonderem. „Zum Beispiel der Ausflug zu einer Buddha-Statue in Taiwan, wo wir von dem Guide erstmal einen halben Liter Spargelwasser aus der Dose angeboten kamen! Oder der Trip mit unseren Azubis und Ferienfahrern zu der Tsingtao-Brauerei in China. Nicht nur die Besichtigung war interessant, sondern auch schon die Fahrt dorthin, als ein Reifen unseres Reisebusses platzte und wir mit 30 Stundenkilometern über die Straße schlichen. Ich wusste gar nicht, wie weit man mit so einem kaputten Reifen kommen kann.“ Unvergessen auch der Ausflug mit einem sehr engagierten Agenten in Tokyo: „Der hat uns persönlich zum Skytree, dem höchsten Fernsehturm der Welt gefahren. Der Ausblick über das unendliche Häusermeer Tokios aus 450 Metern Höhe, das war schon gigantisch. Auch das Gewusel in den Straßen ist einfach atemberaubend“, schwärmt Markus Grote. Einer seiner Lieblingsfilme „Lost in Translation“ mit Bill Murray, spielt in der glitzernden Megametropole. Filmabende seien in Zeiten von Corona, wo Landgänge für die Mannschaft nicht möglich seien, ohnehin besonders beliebt. „Zuletzt haben wir uns ganz demokratisch auf ,Rambo 4‘ und den ,Terminator‘ mit Arnold Schwarzenegger geeinigt. Wäre es nach mir gegangen, hätten wir uns La-La-Land angesehen“, lacht Markus Grote: „Ich mag romantische Komödien – aber die schaue ich dann lieber allein in meiner Kabine.“ Hat man denn gar keine Privilegien an Bord als Kapitän? „Oh, doch! Unsere Köche kochen gern, was der Kapitän sich wünscht. Da ich Pommes Frites liebe, gibt’s die an Bord mindestens alle zwei Tage.“

Back to Top