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Einmal ein Seemann, immer ein Seemann: Kapitän Hans Trey

Die Antwort auf die Frage, wo wir uns für ein Gespräch treffen können, kommt ohne Zögern: im Internationalen Maritimen Museum. Wie lange es dauere, fragt Hans Trey nach. Eine Stunde, mindestens. So lange? Am Ende werden es mehr als drei gewesen sein, vergangen wie im Fluge. Oder sagt man unter Seefahrern anders?

Die Antwort auf die Frage, wo wir uns für ein Gespräch treffen können, kommt ohne Zögern: im Internationalen Maritimen Museum. Wie lange es dauere, fragt Hans Trey nach. Eine Stunde, mindestens. So lange? Am Ende werden es mehr als drei gewesen sein, vergangen wie im Fluge. Oder sagt man unter Seefahrern anders?

Ein bisschen kühl sind die Hamburger ja doch, zunächst, aber nach den drei Stunden ist Hans Trey auf Betriebstemperatur: „Wollen wir noch zum Simulator gehen?“ Die Antwort gibt er gleich selbst: „Zum Simulator müssen wir gehen! Das ist nämlich mein Simulator.“ Dann lacht Trey. Nicht schallend, eher schelmisch.

Für alle Fälle legt er nach: „Ohne mein Team geht‘s natürlich nicht. Gerade programmieren wir hoch anspruchsvolle Manöver für Fachleute, und ein Simulator für Kinder ist ebenfalls in Arbeit.“ Womit zwei seiner Eigenschaften beschrieben wären. Hans Trey hat Spaß an dem, was er macht. Und er ist mit Leidenschaft dabei. Für die Seefahrt gilt beides.

„Sei immer vorbereitet“

Hans Trey war Seemann, weil er Spaß daran hatte. Was heißt war, genau genommen ist er es noch. Weil er Spaß daran hat. Spaß daran, Gäste durch das Internationale Maritime Museum zu führen und ihnen aber auch wirklich alle Exponate mit Begeisterung erklären zu können. Besonders natürlich die Container. Container waren quasi sein halbes Berufsleben. Als Leiter der Contrans Gesellschaft für Containerverkehr, Europas größter Container-Vermietgesellschaft, war er dabei, als der ISO-Container die Welt eroberte und die Containerschifffahrt auch in Deutschland begann. Dass Hapag-Lloyd auf dem Gebiet der Spezialcontainer weltweit führend ist, Hans Trey war viele Jahre mit der Contrans daran beteiligt.

Um ein Containerschiff geht es auch am Schiffsführungs-Simulator – einem der modernsten der Welt, sechsstellig im Preis und zu einem guten Teil von Hapag Lloyd gespendet. Hans Trey leitet das Projekt und gibt damit ein Stück seiner eigenen Faszination an der Seefahrt weiter. Warum er das tut? „Sei immer vorbereitet“, antwortet er, „auf den nächsten Tag auf See, auf den nächsten Hafen, den nächsten Schritt im Beruf.“ Und eben auch auf das Leben nach dem Berufsleben.

Den ganzen Tag vor der Zeitung sitzen wollte er nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst bei Hapag-Lloyd auf keinen Fall. 50 Jahre Seefahrt lagen hinter ihm, davon 47 bei Hapag-Lloyd. So kam Hans Trey zum Nautischen Verein Hamburg, in dessen erweitertem Vorstand er bis heute sitzt, und schließlich zum Internationalen Maritimen Museum in der Hamburger Speicherstadt.

„Wir sind jetzt 300 Meter lang!“

Seit 15 Jahren ist er nun im Ruhestand, und wie beschäftigt er ist, merkt man, wenn man nach einem Termin für ein Treffen mit ihm sucht. Dann holt der 80jährige Kapitän im Ruhestand erstmal seinen Kalender und zählt die Tage auf, die bereits verplant sind. Es sind viele Tage.

Die meisten davon verbringt er im Internationalen Maritimen Museum, und im Museum wiederum hat er einen Lieblingsplatz – den Schiffsführungs-Simulator auf Deck 1. Wenn Hans Trey vor der Steuerung dieser High-Tech-Maschine hockt, an gleich mehreren Computern Einstellungen vornehmend, und nebenbei mitteilt, er starte jetzt die Schlechtwettereinfahrt in den Hafen von Rotterdam, glaubt man das Glänzen in den Augen eines kleinen Jungen zu sehen, der gerne Kapitän werden möchte. „Wir sind die „Tokyo Express“. Wir sind jetzt 300 Meter lang!“, sagt er und gibt dann doch lieber erstmal Hamburg ein. Bei schönem Wetter.

An Bord der „Casablanca“

Dass er Kapitän werden wollte, stand fest, sagt Hans Trey, seit er im Kriegsjahr 1942 gemeinsam mit seiner Mutter auf dem Schiff des Vaters mitgefahren war. Auch der war Kapitän; fast alle Vorfahren von Hans Trey fuhren zur See. Als sie von einem Landgang in Neapel zur „Casablanca“ zurückkehren, die Eindrücke der brennenden Lava am Vesuv noch vor Augen, empfängt sie der Funker an der Gangway mit der Nachricht, dass ihre Hamburger Wohnung ausgebombt sei. Darauf waren sie nicht vorbereitet, natürlich nicht, aber nach den Tränen der Mutter und dem Schock beim Vater verstanden sie besser, was geschehen war: sie hatten keine Wohnung mehr, aber sie hatten überlebt. Weil sie auf See waren. In einem Krieg, an dessen Ende der Vater, ein Handelsschiffskapitän der OPDR (Oldenburg-Portugiesische Dampfschiffs-Rhederei) in Triest vom Schiff weg verhaftet und in ein jugoslawisches Lager gesteckt wird, aus dem er nicht zurückkehren wird.

Jetzt erst recht, muss Trey damals wohl gedacht haben. Als ihn der Lehrer in Bremerhaven, wo die Familie nach dem Krieg neu anfing, fragte, was er werden wolle, sagte der kleine Hans: Kapitän. Um den Vater kennen zu lernen, der ja nur selten zuhause war. Den Vater, der ihm, wie auch die Mutter, aus eben diesem Grund eigentlich verboten hatte, Kapitän zu werden. Der Lehrer höhnte: schaffst du nicht, niemals! Und hatte von heute auf morgen einen guten Schüler mehr in der Klasse.

Kapitän Hans Trey Kapitän Hans Trey

150 D-Mark für die neue Jacke

Dann also zur See. Als Schiffsjunge auf einem Küstenmotorschiff, der „Zeus-II“. Als Leichtmatrose und Offiziersanwärter auf Schiffen der Frigga-Reederei und der OPDR fährt er mehrfach gemeinsam mit Männern, die seinen Vater als Kapitän kannten. Dass ihn der Norddeutsche Lloyd als Offiziersanwärter zunächst ablehnt und dann doch annimmt, weil er persönlich in Bremen vorstellig wurde und darauf beharrte, wird ihm viele Jahre später zu einer tollen Pointe verhelfen. Als er 1970 die Leitung der Nautischen Abteilung beim Norddeutschen Lloyd übernimmt, verliest er das Anschreiben, in welchem man ihm einst mitteilte, er genüge den Ansprüchen der Reederei nicht …

Wie er den Ansprüchen genügt, zeigt er 1959 und 1962, als er seine Patente mit Auszeichnung ablegt. Sei immer vorbereitet. Hans Trey war es, in Theorie und Praxis. Sein wohl gefährlichstes See-Erlebnis hatte er 1957 auf der „August Thyssen“, einem maroden Kohlenkahn der Frigga. Es brachte ihm 150 D-Mark Prämie ein, für seinen besonderen Einsatz und eine neue Lederjacke. Die alte hatte er eingebüßt, als das Schiff in einen Orkan geriet und Trey von einem schweren Brecher über Bord gespült wurde. Dass er sich und ein weiteres Besatzungsmitglied einhändig an der Reling halten konnte, erstaunt ihn bis heute selbst am meisten. „Damals habe ich nur gedacht“, sagt er, „arme Mama, hast jetzt keinen Sohn mehr“.

Demut vor der Natur, vor der See – neben einem gebrochenen Schlüsselbein ist das Treys Lehre aus dem Zwischenfall. „Vor einem Sturm, vor den Wellen, vor der schieren Gewalt der Natur erkennst du, wie klein du bist. Und dass es Dinge gibt, denen man sich beugen muss, weil man sie eben nicht ändern kann.“

„Meckerbüdel“, nein danke.

„Alles andere musst du ändern, wenn es dir nicht passt“, sagt Trey, gefragt nach einem Leitspruch für sein Leben. Ein „Meckerbüdel“ sein? Nein danke. Wenn Hans Trey sagt, „was man nicht ändern kann, muss man akzeptieren, nur so kann man Spaß an der Arbeit haben“, klingt das Komplizierte irgendwie ganz einfach. Den Spaß an der Sache hat Trey offenbar immer gehabt. Als Schüler, der es seinem Lehrer beweisen wollte. Als Kadett, der bereits mit 32 Jahren ein echter Kapitän wurde. Und bald schon als Leiter einer völlig neuen Abteilung, der ersten weltweit, die sich speziell mit der Verschiffung gefährlicher Ladungen beschäftigt. Zugleich eine der ersten, die den Namen Hapag-Lloyd trug: „Hapag-Lloyd Inspektion für gefährliche Ladung“. Als im Dezember 1966 die „MS Moselstein“ im Hafen von Antwerpen explodiert, ist Trey mit seinem Schiff zufällig in der Nähe. Er wird mit der Untersuchung des Unfalls betraut, mit dem Ergebnis, dass er ganz an Land bleibt und sich nun eben damit beschäftigt, es für die anderen auf See sicherer zu machen.

Einmal Seemann, immer Seemann

1974 studiert Trey noch einmal, „Executive Development“ in Lausanne. „Da haben sie uns erst richtig auseinandergenommen, und hinterher wieder zusammengesetzt“, erinnert er sich und lacht wieder. So wird aus einem Kapitän ein Manager. Der 1986 in die USA wechselt, als Direktor und Vizepräsident von Hapag-Lloyd America. Als dort 1992 ein neues Gesetz über den Umgang mit gefährlichen Schiffsladungen in Kraft tritt, ist mit Hans Trey einer vor Ort, der darauf bestens vorbereitet ist.

2001 ist Schluss, Ruhestand. Eigentlich wollte Hans Trey in den USA bleiben, aber seine Frau steuerte sanft dagegen, ein Hamburger Jung gehöre nach Hamburg. Seit Trey wieder in seiner Stadt lebt, weiß er, dass sie recht hatte. In Hamburg gibt es ein paar gute Freunde, Schiffe und, nicht zuletzt, das Internationale Maritime Museum mit seinem Simulator.

Hans Trey stellt jetzt doch noch die Schlechtwetterfahrt in den Rotterdamer Hafen ein. „Die schafft fast keiner der Gäste“, sagt er schmunzelnd. Trey hat sie geschafft, als aktiver Kapitän ebenso wie im Simulator auf Deck 1. „Zugegeben“, sagt er, „mit ein bisschen üben“. Man stellt sich dann vor, wie Hans Trey und seine Kapitänskollegen Stunden um Stunden vor den riesigen Monitoren verbringen, mit den glänzenden Augen kleiner Jungen, die mal Kapitän werden wollen. So lange, bis sie das Containerschiff sicher am Kai haben. Einmal Seemann, immer Seemann.

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